Leseprobe

Ein Sonntagmittag Kurzgeschichte von Ilse Campbell

 

 

Sie sitzen in der schäbigen, kahlen Küche auf zusammengewürfelten Stühlen an einem Tisch, der schon bessere Tage gesehen hat. Sie lachen und diskutieren in Englisch, gespickt mit arabischen und deutschen Wortfetzen. Erinnerungen an alte Studentenzeiten werden wach. Die Küche war schon damals der gemütlichste Ort. Ahmad öffnet eine Flasche Rotwein, für ihn als Moslem ein Zeichen seiner Gastfreundschaft, er selbst trinkt nicht, aber er kocht wunderbare arabische Gerichte und liebt seine Gastgeberrolle.

Shehko, ein hübscher junger Kurde, der mit zwei kleinen Neffen und seiner Schwester im Sommer die Flucht gewagt hat, deckt den Tisch. Neben seiner Schule engagiert er sich für seine Landsleute, übersetzt bei den Behörden und kümmert sich um minderjährige Flüchtlinge. Abends tröstet er seine Schwester, die seit dem Sommer nichts mehr von ihrem Mann gehört hat.

Viel Verantwortung für einen Zwanzigjährigen, aber hier in dieser Küche lacht und singt er. An diesem Nachmittag ist er wieder der junge Student, der er in einem anderen Leben war. Neben ihm seine deutsche Freundin Anna, die ihn im Flüchtlingscamp kennengelernt hat. Sie liebt ihn, das sieht man. Die beiden reden davon, nach Lesbos zu gehen, weil sie die Bilder der Boote und ertrunkenen Kinder nicht mehr ertragen. Sie müssen dort hin. Ihr eigenes Leben muss warten.

 

Ahmad serviert ihnen arabischen Salat und Humus als Vorspeise, anschließend leckeres Hühnchen mit Kartoffeln. Sara liebt die arabischen Gewürze, deren Geschmack sie an eine längst vergangene Zeit erinnert. Es schmeckt köstlich. Ahmad kommt aus Damaskus, ist allein gereist, seine Mutter lebt in Ägypten, der Bruder in Kanada, eine Schwester im Libanon. Es geht ihnen gut, aber sie wissen, als Familie werden sie wegen der bürokratischen Hürden nie mehr zusammenleben. Ahmad lernt fleißig Deutsch, will hier bleiben, bemüht sich, jeden Tag, etwas deutscher zu werden, obwohl er sich nicht sicher ist, was das genau bedeutet. Sara hat er zu seiner Ersatzmutter erklärt. Sie muss lächeln, wenn sie sieht, mit wie viel Respekt er sie behandelt.

Maria und ihre Tochter ergänzen die Runde. Beide helfen seit Monaten im Camp, trotz ihrer Berufstätigkeit und anderen Verpflichtungen. Maria sorgt sich um ihre Schützlinge, begleitet sie, bis sie sich in den Gemeinden eingelebt haben.

Es sind Zufälle, die sie hier zusammengebracht haben. Ahmad und Sara trafen sich im Krankenhaus, als er hilflos nach einer Station suchte und sie ihn ansprach; durch ihn lernte sie Maria kennen. Shekho betreute eine Familie, die in Saras Gemeinde lebt.

Ahmad nimmt die Gitarre, ein Geschenk von Saras Mann. In Syrien spielte er in einer Band und trat häufig auf. Sara ist froh, dass er zur Musik zurückgefunden hat. Nachdem ihm die Schergen des Assad-Regimes seine Finger gebrochen hatten, zweifelte er, ob er jemals wieder Gitarre spielen könnte, aber mit viel Übung und eisernem Willen hat er es geschafft. Er spielt arabische Lieder und auch internationale Musik. Mal singen alle mit, mal hören sie fasziniert der fremden Musik zu.

Vor zwanzig Jahren stand Sara auf den Golanhöhen, an einer schwer gesicherten Grenze und schaute auf die syrische Stadt Kuneitra, die auf der anderen Seite lag.

Dort lebte der »Feind«.

Heute sitzen sie und der »Feind« gemütlich zusammen in dieser schäbigen Küche, in der Politik und Nationalitäten keine Rolle spielen.

Es ist so einfach, wenn Menschen sich als Menschen begegnen.