Über mich

INTERVIEW mit Ilse Campbell

 

Wollten Sie immer schon Schriftstellerin werden?

 

Ich gehöre nicht zu den Autoren, die immer schreiben wollten oder schon früher geschrieben haben. Mein erstes Buch ist aufgrund von zwei Ereignissen in meinem Leben entstanden. Ende der siebziger Jahre bin ich nach Israel gegangen, um ein Jahr in einem Kibbuz zu verbringen. Ich wollte Abenteuer erleben und das Land interessierte mich seit längerer Zeit. Dass es am Ende acht Jahre werden würden, ahnte ich nicht. Als ich vor drei Jahren von dem plötzlichen Tod meines israelischen Ex-Mannes und kurz darauf von der Schließung unseres ehemaligen Kibbuzes erfuhr, kam mir der Gedanke, diese heute fast vergessene Welt der Kibbuzime aufzuzeigen. Das Schreiben war somit Mittel zum Zweck. Das Buch sollte weder Sachbuch noch Biografie werden, deshalb musste ich mir eine Geschichte dazu ausdenken. So entstand, eigentlich ungeplant, mein erster Roman. Seitdem schreibe ich regelmäßig und je mehr ich schreibe, desto mehr Ideen entstehen.

 

 

Was lieben Sie am Schreiben?

 

Beim Schreiben erschafft man sich eine eigene Welt, die Protagonisten agieren so, wie es der eigenen Vorstellung entspringt, sie sind immer auch ein Teil des Autors. Wo sonst hat man so viel Einfluss, das gibt es eigentlich nur in der Literatur. Ein Leben ohne Schreiben ist für mich undenkbar geworden.

 

 

Worum geht es in Ihrem aktuellen Buch?

 

Mein Buch handelt von einer Deutschen und einem Israeli, die sich in den späten Siebzigern in einem Kibbuz in Israel treffen, sich verlieben und später eine Familie gründen. Natürlich denkt man jetzt sofort: Liebesgeschichte. Ja, das stimmt, aber nur bedingt, denn eigentlich benutze ich die Liebesgeschichte, um zu zeigen, wie Kriege das Leben jedes Einzelnen zerstören. Ich schreibe abwechselnd aus der Er- und Sie-Perspektive, so wird noch deutlicher, wie beide Protagonisten sich im Laufe dieses Krieges verändern und ihre Liebe langsam zerbricht. Es geht also primär darum, anhand eines ganz normalen Paares die Folgen des Krieges zu zeigen. Trotz des traurigen Themas gibt es im Buch sehr humorvolle und leichte Kapitel, da ich der Meinung bin, ein Buch sollte auch immer unterhaltsam und spannend sein. Genau das scheinen meine Leser zu schätzten, den ich höre häufig, dass sie das Buch nicht aus der Hand legen konnten.

 

 

Welchen Protagonisten mögen Sie am liebsten?

 

Hier geht es jetzt ums Schreiben an sich. Während ich schrieb, habe ich am Anfang noch viel aus der Erinnerung geschrieben, und meine Protagonisten hatten alle gewisse Ähnlichkeit mit lebenden Personen, aber dann passierte mir etwas, das ich vorher nicht für möglich hielt. Meine Lieblingsfigur in dem Buch ist »Mama Katz«, die Mutter eines getöteten Soldaten. Diese Figur war nicht von mir geplant. Sie stand plötzlich vor mir, drängte in dieses Buch, sie ist vollkommen fiktiv und für mich eine der wichtigsten Personen im Buch, denn sie strahlt so viel Menschlichkeit aus. Die andere Figur, die mir sehr am Herzen liegt, ist der Shalom, der männliche Protagonist, dessen Leben ich von Kindheit an beschreibe, der Charmeur, starker Soldat und gebrochener Mann in einem ist. Eine sehr vielschichtige Figur. Ich fand es sehr spannend, mich in eine männliche Denkweise einzufühlen, und hoffe, es ist mir gelungen.

 

 

Schreiben Sie nach Gefühl oder planen Sie einen Plot?

 

Ich schreibe keine Plots, sondern entwickle eine Geschichte langsam im Kopf. Ich fange erst an zu schreiben, wenn das Ende gelöst ist. Ich brauche ein Ende um darauf hinzuarbeiten. Es dauert also etwas länger bis ich zum Schreiben komme. In dieser Kopfphase bin ich leider nicht sehr zugänglich für meine Mitmenschen. Anschließend schreibt es sich relativ schnell. Danach kommt der schmerzvolle Teil, Korrektur und Lektorat.

 

 

Könnten Sie sich vorstellen, auch mal etwas anderes zu schreiben?

 

Ich glaube, ich werde immer versuchen, Themen, die mir sehr wichtig sind, in Romanform aufzuschreiben. Im Moment arbeite ich an einem neuen Buch, das mit dem Flüchtlingsthema zu tun hat. Auch hier geht es wieder um den Nahen Osten und Protagonisten, die dem Leser das Thema hoffentlich näher bringen. Es wird für mich wohl Gegenwartsliteratur bleiben. Außerdem habe ich meine erste Kurzgeschichte für die Anthologie des Autorennetzwerkes geschrieben und dabei festgestellt, wie viel Spaß es macht, einen kurzen Text zu verfassen. Ein Genre, das mich noch interessiert, sind Kriminalromane, aber ob ich mir das zutraue, wird man sehen.

 

 

Wenn Sie nicht schreiben, was machen Sie dann?

 

Ich habe immer sehr viel gelesen und bin schon seit zehn Jahren in einem Literaturclub, in dem wir außergewöhnliche Bücher besprechen. Den Rest meiner Freizeit widme ich sozialen Projekten.

 

 

Welche Bücher mögen Sie?

 

Da mich bis heute der Nahe Osten gefangen hält, lese ich sehr viel israelische Literatur, Amos Oz, David Grossman, sowie die arabischen Schriftstellerinnen Claire Hajaj und Susan Abulhawa, die mit ihrem ersten Buch „Während die Welt“ schlief einen Bestseller geschrieben hat. Eines der ergreifendsten Bücher, das ich nie vergessen werde, ist „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne. Mein absolutes Lieblingsbuch ist und bleibt jedoch „Dienstags bei Morrie“ von Mitch Albon, ein Buch, in dem so viele Lebensweisheiten stecken, dass man es immer wieder lesen kann.